Jahrelang hat sich die Brillenindustrie im Stillen mit einer Frage beschäftigt, die einst für Sneaker und Streetwear reserviert war: Kann sich die Optik zu einer echten kulturellen Kraft entwickeln? Heute sind die Zeichen unübersehbar. Global Player verbünden sich mit einflussreichen Künstlern wie Travis Scott und A$AP Rocky, und verankern Brillen tiefer in der Sprache der zeitgenössischen Kultur. Doch lange bevor die Vorstandsetagen die Chance erkannten, nahm bereits eine organischere Bewegung Gestalt an, die nicht auf Strategiedecks, sondern auf Instinkt, Nähe und Authentizität beruhte.
Im Mittelpunkt dieser Verschiebung steht Joel Brück, eine Figur, die im Stillen neu definiert, was Brillen im urbanen Ökosystem darstellen. Durch seine Arbeit bei Stadt Optikhaus, Mit seinem neuen Konzept der "Brillenmode" sprengte er die Konventionen des traditionellen optischen Einzelhandels und verwandelte ihn in einen kuratierten kulturellen Raum, in dem sich Mode, Musik und Identität überschneiden. Sein Einfluss entstand nicht durch Kampagnen oder kalkulierte Kooperationen, sondern durch echte Beziehungen, indem er unverwechselbare, oft einmalige Fassungen für Künstler wie Central Cee und Erpel zu einer Zeit, als Brillen noch weitgehend als funktional angesehen wurden.

Das Besondere an dieser Geschichte ist nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch die Absicht. Während ein Großteil der Branche erst jetzt auf Individualisierung, Exklusivität und Storytelling setzt, sind diese Prinzipien seit über einem Jahrzehnt in Joel Brücks Ansatz verankert. Von den ersten maßgeschneiderten Cartier-Stücken bis hin zur Gestaltung eines Kundenkreises, zu dem globale Ikonen wie Bruno Mars, Seine Arbeit spiegelt ein tieferes Verständnis wider: Kultur kann nicht hergestellt werden, sie muss gelebt werden. In diesem ungefilterten Gespräch skizziert er die Philosophie, Disziplin und Vision hinter einer Bewegung, die die nächste Ära der Brillen definieren könnte.

Sie haben eine besondere Energie in die Optikbranche gebracht, indem Sie Brillen mit Elementen der urbanen Kultur verbinden. Wie hat Ihre Reise in diesen Bereich begonnen?
Ich bin mit Brillen aufgewachsen, sie waren schon immer Teil meines Umfelds. Mein Vater war Optiker, so dass ich von klein auf mit der Branche in Berührung gekommen bin.
Dennoch war es nie mein Plan, ein traditioneller Optiker zu werden. Ich habe mich von Anfang an mehr zu Mode, Musik und Kultur hingezogen gefühlt.
Damals wurden Brillen noch als reine Funktionsprodukte wahrgenommen. Für mich war das eine klare Einschränkung.
Als Brillen begannen, sich zu einem echten Modestatement zu entwickeln, erkannte ich, dass es eine Lücke und, was noch wichtiger war, eine Chance gab.
Ich wollte nicht einfach nur der Branche folgen, sondern die Art und Weise verändern, wie die Menschen Brillen wahrnehmen. Diese Einstellung bestimmt auch heute noch alles, was ich tue.

Das City Optikhaus hat sich zu einem der bekanntesten Optikzentren in Europa entwickelt. Wie ist das Konzept entstanden, und was waren die Schlüsselmomente, die sein Wachstum geprägt haben?
City Optikhaus ist zu dem geworden, was es heute ist, weil wir uns nie als traditionelles Optikergeschäft positioniert haben.
Von Anfang an haben wir uns bewusst von klassischen optischen Konzepten entfernt und stattdessen auf Kuration, Exklusivität und eine klare ästhetische Vision gesetzt.
Ein wichtiger Schritt war, dass wir vor rund zehn Jahren als eines der ersten Optikergeschäfte in Deutschland die Maßanfertigung von Brillen eingeführt haben, insbesondere mit individuellen Cartier-Stücken.
Damals waren wir in vielen Bereichen Vorreiter, sei es bei den einzigartigen Farben und Formen der Gläser oder bei Raffinessen wie der Diamantverzierung. Was heute als klarer Trend gilt, haben wir schon früh etabliert.
Unsere Verbindungen zu Künstlern wie Luciano, Reezy oder Rampa und international zu Kunden wie Central Cee, Drake oder Bruno Mars waren nie etwas, das wir aktiv angestrebt haben, sondern entwickelten sich ganz natürlich, weil die richtigen Leute erkannten, was wir aufbauten.
Die Eröffnung unseres Berliner Flagshipstores war der nächste große Schritt, um diese Vision auf eine internationale Ebene zu bringen.
Jetzt sind wir nicht mehr nur ein Geschäft, sondern eine Referenz in diesem Bereich.

Haben Sie in Anbetracht Ihrer starken kuratorischen Vision darüber nachgedacht, Ihr eigenes Brillenlabel zu gründen?
Genau an diesem Punkt befinden wir uns jetzt.
Nach mehr als 15 Jahren in der Branche und drei Jahren intensiver Entwicklung werden wir unsere eigene Marke einführen, Joël Laville, in diesem Sommer.
Für mich ging es nie darum, einfach nur eine weitere Marke zu schaffen. Ich habe mir bewusst die Zeit genommen, etwas zu entwickeln, das in jeder Hinsicht - vom Design über die Materialien bis hin zu den kleinsten Details - meine eigenen Ansprüche widerspiegelt.
Sie ist das Ergebnis von Erfahrung, Ehrgeiz und einer sehr klaren Vision davon, was moderne Brillen heute sein sollten.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand des Brillenmarktes, sowohl aus Sicht des Einzelhandels als auch aus kultureller Sicht?
Der Markt ist derzeit sehr dynamisch, aber man hört auch viel Negatives, vor allem, wenn es um Umsatz und Leistung geht.
Ich glaube jedoch, dass dies weniger mit dem Markt an sich zu tun hat als vielmehr mit der Tatsache, dass viele Geschäfte nicht wirklich wissen, wofür sie stehen.
Es reicht heute nicht mehr aus, einfach nur Produkte zu verkaufen. Man braucht ein klares Konzept, eine starke Identität, und man muss voll dahinter stehen.
Die Kunden sind viel bewusster und wählerischer geworden. Sie kaufen nicht mehr einfach ein Produkt, sondern wählen Marken, die für etwas stehen.
Ich glaube, dass die Marken erfolgreich sein werden, die eine klare Vision haben und diese konsequent umsetzen.

Sie arbeiten oft eng mit prominenten Persönlichkeiten zusammen und versorgen sie mit hochwertigen Brillen. Wie wichtig sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen, wenn man auf dieser Ebene der Branche tätig ist?
Vertrauen ist in diesem Bereich absolut notwendig.
Menschen wie Drake oder Central Cee kommen nicht nur wegen eines Produkts zu Ihnen, sondern weil sie Ihrem Auge, Ihrem Geschmack und Ihrem Verständnis für ihre Identität vertrauen.
Es geht um Präzision, Diskretion und Konsequenz.
Für mich ist es entscheidend, jedem auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, unabhängig davon, wie groß sein Name ist.
Das ist etwas, was die Leute wirklich zu schätzen wissen, denn es fühlt sich nicht wie eine traditionelle Verkaufssituation an, sondern eher wie eine Beratung unter Gleichen.
Im Laufe der Zeit hat dies zu vielen engen und in einigen Fällen sogar persönlichen Beziehungen geführt.

Wie wird sich die optische Industrie Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln?
Ich glaube, dass sich die Branche in den kommenden Jahren weiter stark in Richtung Individualität und Erfahrung entwickeln wird.
Standardprodukte wird es immer geben, aber der Schwerpunkt verlagert sich eindeutig auf limitierte Kollektionen, individuelle Gestaltung und persönliche Beratung.
Gleichzeitig werden Dienstleistungen wie private Verabredungen und internationale VIP-Erlebnisse zunehmend an Bedeutung gewinnen - dies ist bereits Teil unserer heutigen Arbeitsweise.

Inwieweit glauben Sie, dass die sozialen Medien die Brillenlandschaft umgestalten, sowohl in Bezug auf die Markenbildung als auch auf das Verbraucherverhalten?
Die sozialen Medien haben die Branche völlig verändert.
Sie hat es uns ermöglicht, eine globale Präsenz aufzubauen, ohne auf traditionelle Strukturen angewiesen zu sein.
Gleichzeitig hat sie alles transparenter gemacht, man kann keine Identität mehr vortäuschen.
Entweder man hat eine klare Vision und eine starke visuelle Sprache, oder man geht im Lärm unter.
Für uns ging es nie darum, nur Produkte zu zeigen, sondern eine Welt zu schaffen, an der die Menschen teilhaben wollen.

Schlussfolgerung
Wenn das vergangene Jahrzehnt den Turnschuhen und der Streetwear gehörte, könnte das nächste Jahrzehnt den Brillen gehören, und die Grundlagen dafür sind bereits vorhanden. Was einst eine rein funktionale Kategorie war, entwickelt sich rasch zu einem Vehikel für Identität, Status und kulturellen Ausdruck. Der Wandel, den wir heute erleben, spiegelt die Anfänge einer Bewegung wider, die später die globale Mode neu definieren sollte.
Figuren wie Joel Brück, nehmen nicht nur an dieser Entwicklung teil, sie gestalten sie. Ohne die Unterstützung von Unternehmen oder überhöhte Budgets, sondern durch Visionen, Konsequenz und Glaubwürdigkeit haben sie den Grundstein für das gelegt, was sich nun zu einem globalen Phänomen entwickelt.
Während sich die Branche auf eine Zukunft zubewegt, die von Individualität, Kuratierung und Erfahrung geprägt ist, wird eines deutlich: Wahre kulturelle Bewegungen beginnen nicht an der Spitze, sie entstehen von innen heraus. Und wenn die Welt aufholt, sind die Pioniere schon weiter.